Ein letzter Eintrag.

Zeit ist relativ — zu Raum und Bewegung

Der frühe Vogel ist ein geiler Hecht. Zu mindestens legen beide Eier. Heute startet der Blogeintrag mal um 5 Uhr in der Frühe — motiviert durch den philosophischen Einstieg einer Vorlesung an der Uni zu Tagezeiten und wie wir sie für uns im Designprozess nutzen können. Also — es kann passieren, dass heute mehr komische Sachen im Text stehen, als sonst. Zu mindestens habe ich mir schon einen Kaffee gekocht und das Licht meiner Schreibtischlampe geleitet mir den Weg zum nächsten CLiC-Blogeintrag.

Was ich eigentlich zum Zeitpunkt sagen wollte ist: es ist kurz vor knapp — kurz vor der Prüfung und kurz davor, die Idee erst einmal endgültig zu präsentieren. Seit Beginn des Semesters hat sie viele Abwandlungen, kleine und große Neustarts und viel Entdeckung mitgemacht. Wenn es eine Erkenntnis gibt, die ich aus diesem Kurs mitnehme und hochhalten möchte (wie ein lieber Kommilitone von mir immer zu sagen pflegt), dann, dass wir Ideen jeglicher Art zu schnell abwürgen beziehungsweise ihnen nicht genügend Zeit zum Reifen geben. Sei es nun eine Start-Up-Idee, die durch wirtschaftliche Gedanken frühzeitig zerstört wird oder eine Idee in einem Team, die einfach einigen gegen den Strich geht und aus zwischenmenschlichen Gründen scheitert.

For the Love of Idea: Fakt ist doch, dass jede Idee zu mindestens eine Chance verdient hat. In einem Kontext, wie im CLiC-Kurs ists noch besser — es wird an der Idee festgehalten, sie wird variiert, verfeinert, vorerst kein Ende finden. Wahrscheinlich ist das wieder so ein Framing-Problem unserer Zeit, dass wir unter dem Begriff »Idee« nur eine momentane Eingebung mit sofortiger Umsetzung verstehen. Dabei ist sie doch Resultat aus allen Umwelteinflüssen, die ein Mensch wahrnehmen kann und einem Kopf und einem Herz, die versuchen sie zu fühlen, sie systematisch einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Folglich kann eine Idee theoretisch nie enden, Bedingungen verändern sich ständig, und wir selbst uns auch. Also einfach mal kurz Schluss mit der Ideen-Wegwerfgesellschaft — es gibt keine Unkräuter, nur Wildkräuter. Es gibt keine falschen Ideen, es gibt nur wilde/rohe Ideen. Im Endeffekt ist eine Idee die Verbindung von unserem Denken, Tun, Wollen und Können. Wir selbst können aktiv bestimmen, wann das Denken zum Tun und das Wollen zum Können wird und damit eine Idee Endgültigkeit annimmt.

Die Unendlichkeit einer Idee — Iterationsstufen

Noch einmal kurz zum Rekapitulieren: die Idee war es öffentliche Räume miteinander zu verbinden und dabei die zwischenmenschliche Kommunikation anzuregen.

1 der heiße Draht

Tatsächlich war die ursprüngliche Idee gewesen, sowohl in ländlichen, als auch in städtischen Regionen jeweils Telefone (vielleicht sogar rote) auf öffentliche Plätze zu stellen, die je nach dem, welche Taste der Nutzer betätigt eine Verbindung zu einer andere Region aufbaut. Vielleicht würde es auch reichen, einfach der Hörer abzuheben. Verworfen habe ich diesen Ansatz, weil es ein riesiges Netz an Telefonen geben müsste, die zeitgleich zufällig besetzt sind, damit diese Rechnung aufgeht.

Erkenntnis: nicht aktiv kommunizieren, sondern vordergründig passiv

2 Live-Cams im Stadtbild

Eine weitere Idee war es, in verschiedenen Regionen 360 Grad Live-Kameras aufzustellen und die Aufnahmen dann auch dementsprechend live in eine konträre Regionen zu übertragen. Zu sehen wären die Inhalte dann in interaktiven Schaufenstern (z.B. in ländlichen Regionen, in denen viele Läden leer stehen) oder gar in Ausstellungen, die sich mit dem speziellen Charakter einer Stadt beschäftigen. Zur 360 Grad Live-Projektion würde es zum Berlin-Tag zum Beispiel Pfannkuchen und Currywurst geben. Geil! Nur die Frage ist, wer da rein gehen würde, in einer Region, die dem demographischen Wandel unterlegen ist. Opis, die Bock auf Currywurst haben, vielleicht.

Erkenntnis: Einfachheit und eine niedrige Hemmschwelle zur Nutzung (besser: Hemmgraben — der Nutzer muss förmlich reinfallen)

3 ein Automat

Weiter gehts: ein auf öffentlichen Plätzen fest installierter Automat, mit digitalem/interaktivem Screen und einem Hörer, den der Nutzer abheben muss, um die Tonspur zu den visuellen Inhalten zu erhalten ist nun der Ansatz. Auf diesem Automaten kann er dann dank Touchscreen Videobotschaften von Menschen aus anderen Regionen sehen und hören. Um darauf zu reagieren und einen aktiv-qualitativen Teil der Kommunikation zu implizieren, soll der Automat eine Postkarte drucken können, die der Nutzer A an den im Video gesehenen Nutzer B schicken kann. In meiner Vorstellung haben sich viele tolle Brieffreundschaften entwickelt, dementsprechend musste die Postkartenfunktion erhalten bleiben. Leider waren zu viel Funktionen auf einmal vorhanden, niemand würde seine Adresse eingeben wollen, wenn sie jeder gleich sehen kann also — weiter gehts.

Erkenntnis: öffentlicher Raum heißt Anonymität, Menschen sind skeptisch, wenn es um ihre Adresse geht, vor allem an Automaten

4 eine App

Frustriert von dem Gedanken, dass das alles nicht klappt und ich die Postkartenfunktion verbannen muss, ging die Überlegung zum MVP — einer App, weil es heutzutage für alles eine App gibt. So wirklich überzeugt war ich davon nicht, aber der Ansatz war da. Die App sollte dementsprechend alles können, was der Automat auch konnte: Videobotschaften sehen und aufnehmen und darauf irgendwie reagieren. Aber mit der Ortlosigkeit des »App Stores« (ich meine, was ist denn das für ein Ort?) ging auch der tatsächliche Anreiz aktiv über verschiedene Regionen nachzudenken verloren. Es muss etwas lokales her.

Erkenntnis: ein eigenständiges lokales Device, sollte dennoch mobil sein, vor-Ort-anfassbar

 

»Endgültige« Idee — eine Mülltonne

Und los: es sieht aus, wie eine normale Mülltonne. Sie ist von außen auffällig farbig und mit einem provokanten Spruch beschriftet. Wenn wir an ihr vorübergehen, entsendet sie uns Leuchtsignale, die zur Interaktion aufrufen sollen. In dieser Tonne befindet sich eine digitale Benutzeroberfläche mit den schon genannten Funktionen. Die Postkartenfunktion ist auch dabei: sie funktioniert nach dem e-Post-Prinzip und somit bekommt niemand Adressen zu Gesicht, lediglich die Post (aber ich glaube, die können das ab). Das geile ist, dass jeder die Mülltonne mitnehmen kann und somit »aktiv seine Umwelt gestaltet«. Die Tonne steckt nicht nur voller Geschichten aus anderen Regionen, sondern verwickelt sich auch selbst zu einer Geschichte, mit einer Herkunft und einer Vision.

Warum Tonne? Das soll Kunscht sein. Die Anmutung entsteht zum einen, da jeder Mülltonnen als prägenden Bestandteil des Landschaftsbildes kennt. Ich nehme sie und stelle mit ihr ein Reframing an — Mülltonne heißt nichtmehr nur Mülltonne, sondern auch Story-Tonne. Zeitgleich soll sie eine Metapher darstellen, dazu, dass wir Ideen und Geschichten zu schnell in die Tonne treten, weil wahrscheinlich zu viele Informationen auf einem Haufen auf uns einströmen.

 

 

Protoyping

Noch kurz ein paar zusammenfassende Worte zum Prototyping-Verfahren. Ich finde es persönlich sehr mühselig (oder wohl eher ungewöhnlich), noch ungefestigte Ideen »in Blei zu gießen«, also Anmutungen umzusetzen. Umso genialer ist die Idee der Prototypings an sich. Erst wenn der Prozess der Nutzung einmal durchgespielt wird, fallen dabei Dinge auf, neue Ideensynapsen knüpfen sich und der Weg der Entscheidung — Wollen und Denken — wird klarer und eindeutiger.

Gerade bei sehr freien Ideen »ohne Geländer« oder beim Erproben eines neuen Ansatzes, aber auch bei schon gefestigteren Ideen ist das Verfahren hilfreich. Im Grunde genommen betreiben wir Prototyping schon intuitiv und von Natur aus. Nur es noch bewusst auszuführen ist, wie alles mit Bewusstsein, einfach besser.

 

 

Mein Bruder sagte gestern: »Die Welt ist ein Spielplatz. Wir müssen nur anfangen zu spielen.«

Und mit diesen philosophischen Worten sag ich — Adieu CLiC-Blog — auf, dass diese lockere Atmosphäre und diese coole Erfahrung über dem Umgang mit Ideen in mir bleibt und Anklang in der viel zu verkopften Arbeitswelt findet. Einfach mal spielen. Homo Ludens.

Cheers, jetzt geh ich Wein trinken.

__

Text: Christian Nothnick
Bilder: Tanja Tschirpke, Christian Nothnick
Mülltonnensponsor: Roy Tschirpke

__

 

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s